Der Bekannte YouTuber Nikolai Alexander startete vor einigen Tagen auf dem Discord-Server eine Gruppe unter dem Titel „Reconquista Germanica“. [1] Da ich Alexanders Arbeit seit langen verfolge und ihn als ambitionierten und pragmatisch denkenden Patrioten einschätze, schloss ich mit dem Server ebenso an und verbrachte einige Zeit dort. Da es meine Art ist Kritik anzubringen, wo ich sie für nötig halte, soll dies auch hier erfolgen. Die folgenden Ausführungen sind als sachliche Kritik auf Grundlage meiner Beobachtungen zu verstehen und nicht als allgemein gültige Bestimmung. Es mag sich jeder ein eigenes Bild machen. Doch die Treue zu meiner Prinzipien verpflichtet mich zur Kritik gerade auch an deutschen Patrioten.

 

Die Art und Weise und die Struktur des Servers – man kann sagen der Bewegung, überraschte mich. Es war nicht das, was ich von Alexander erwartet hätte, auch wenn sein Gebaren auf seinen Videos schon ein gewisse subtile Veränderung erkennen lies. Er wurde nach meinem Empfinden zunehmend militanter. So findet man auf dem Server augenscheinlich eine militärische Struktur vor. In Person gibt es Rekruten, Gefreite, Offiziere und Generäle sowie den Oberbefehlshaber in der Person Alexanders. Die einzelnen Räume auf dem Server folgen dem gleichen Prinzip. So gibt es neben neutralen Bezeichnungen auch Heeresgruppen, ein Oberkommando, ein Offzierscasino bis hin zur einem Verhörraum. Im Sprachgebrauch der Gruppe werden die Ränge der Mitglieder angesprochen, wie auch der Begriff des „Kamerads“ allgemein verwendet. Es mutet an, als wollen Kinder Armee spielen.

Das ganze wirft eine Reihe von Problemen auf, die auch Boris vom Kulturstudio erkannte, als Lui Tagel von Reconquista Germanica zu Gast war und die Bewegung vorstellte. [2]

Für eine konservative Bewegung in Deutschland ist die Außenwirkung von immenser Bedeutung. Anders als beispielsweise in den USA, sind in Deutschland bestimmte Bilder und Begriffe vorbelastet. Ob gerechtfertigt oder nicht spielt dabei keine Rolle. Sie lösen bestimmte Assoziationen aus und eine konservative Bewegung muss diese vermeiden, will sie mit ihren Inhalten überzeugen und sich nicht in unaufhörlichen Rechtfertigungen bewegen. Die Identitäre Bewegung hat dies verstanden und kommt gerade als konservative Bewegung jung, dynamisch und ohne Altlasten daher. Reconquista Germanica folgt diesem Beispiel nicht und bedient sich jedes Klischees der deutschen „Alt-Right“. Dazu gehören Nationalismus und Militarismus. Es ist ausgeschlossen, dass eine konservative Bewegung mit dieser Selbstdarstellung bei den Bürgern ankommt. Allenfalls bei Jüngeren und bei bestimmten Individuen, die derlei Gebaren pflegen. Für eine politische Bewegung und ihre Hierarchie hätten es genauso neutrale Begriffe wie „Leitung“ oder „Landesgruppe“ getan.

Die Bewegung hat sich offenbar nicht mit der deutschen Gesellschaft auseinandergesetzt, um neben der langfristigen Strategie auch ein unbelastetes und durchdachtes Branding zu entwerfen. Die verwendeten Symboliken und Bilder haben hohes Potential Bürgern wie auch jeden Linken dazu anzureizen eine Antipathie zu entwickeln. Das Futter, welches hier gerade linken Schreiberlingen entgegen geworfen wird, drückte sich bereits in einem BuzzFeed Artikel zum Server aus. [3] So verwandte in der deutschen Geschichte nur eine militante Gruppe eine schwarzes Symbol mit weißen Runen und das war die SS. Diese Assoziation wird im Zusammenhang mit den militärischen Strukturen noch verstärkt. Ist kann nur entweder jugendliche Dummheit oder Fahrlässigkeit sein, dass Reconquista Germanica diese Symbolik verwendet.

Symbolen, Farben und Auftreten müssen für eine deutsche konservative Bewegung äußerst sensibel für die deutsche Gesellschaft ausgewählt werden, um sowohl das konservative Ideal zu präsentieren, als auch breiten Zuspruch zu erhalten. Das bedarf Klugheit, die die Betreiber scheinbar nicht aufbringen. Dies ist keine Unmöglichkeit, wie die Identitäre Bewegung beweist. Für ein solches Branding sind, wie das Marketing lehrt, spezifische Fragestellungen zu beantwortet, wer man ist, woher man kommt, was man erreichen möchte und wie. Eine Vision ist zu formulieren, eine Persönlichkeit zu entwickeln, Werte zu setzen, Kompetenzen auszumachen und dies aus der Herkunft abzuleiten. Dies macht die Identität einer politischen Bewegung aus, wie es in jedem Fachbuch für Marketing nachzulesen ist. Daraus ergibt eine Wechselwirkung aus Selbstbild und Fremdbild, über Versprechen und Verhalten bei der Bewegung und Erwartungen und Erfahrungen beim Adressaten, sprich die Wechselwirkung aus Identität und Image. Anders ausgedrückt braucht eine politische Bewegung Prinzipien, die sie definiert und die sie nach außen präsentiert und von denen sie zu überzeugen versucht. Das ist die Identität. Diese Identität muss für eine deutsche konservative Bewegung vorher bestehen, um möglichst effektiv und früh die Gunst der Stunde zu nutzen. Diese muss sich aber auch an den Merkmalen der deutschen Gesellschaft orientieren. Reconquista Germanica scheint das versäumt zu haben. Eine militärische Struktur, nationalistisches Denken (für Patrioten normal, doch in Kombination mit anderen Dingen kann es problematisch werden) und ein schwarzes Symbol mit einer weißen Rune. Man kann sich sehr leicht vorstellen, welche Assoziationen damit verbunden werden. Den Deckel zu machen dann die vielen jungen Nationalisten, die ihre Gesinnung auf dem Server kundtun. Die Außenwirkung ist katastrophal und birgt auf lange Sicht die Gefahr zum Stigma für die Mitglieder zu werden.

Das militärische Gehabe wirft weitere Fragen auf. Militärische Ränge werden nicht einfach so verliehen. Getreu dem Satz „Lerne gehorchen, bevor du befiehlst“, arbeitet man sich von unten nach oben. Hier wurden die „Generäle“ scheinbar sofort auf ihre Posten gesetzt. Sie waren nie Rekruten, mussten sich also nicht hocharbeiten. Die Frage besteht um die Eignung und um die Art und Motivation der Positionierung. Jeder neue „Rekrut“ kann sich hocharbeiten. Es ist demnach eine autoritäre Top-Down-Hierarchie, über eine verschworene Gruppe an der Spitze, die sich faktisch selbst dort platziert hat. Das widerspricht militärischen Traditionen und erinnert in der Methode an den Aufstieg der Regime des 20. Jahrhunderts: Eine Gruppe, welche sich selbst an die Spitze setzt und autoritär nach unten greift und Posten nach eigenen Vorstellungen besetzt. Es herrscht kein natürlicher Durchlauf, keine natürliche Selektion nach Befähigungen. Kann ein General auch abgesetzt werden? Kann er ersetzt werden? Kann Nikolai Alexander ersetzt werden? Wer legitimierte die „Generäle“?

Dies soll keinerlei Diffamierung der Bewegung sein, sondern eine sachliche Feststellung. Was kann eine Bewegung für ein Ideal vertreten, wenn sie derlei militanten Bildern folgt? Der Aufbau der Gruppe scheint zumindest ideologisches nahe einer paramilitärischen Organisation zu liegen. Aufgrund ihre Zielsetzung auch einer revolutionären. Wenn man sich Nikolai Alexanders letzte Videos ansieht, wird dieser Eindruck noch deutlicher. Zusammen mit Oliver Janich und anderen geht auch Alexander von einem kommenden Zusammenbruch und der Notwendigkeit der Vorbereitung aus. Dies mag dieser Struktur zugrunde liegen. Doch dann war es ein Fehler das Netz dafür zu benutzen, sondern man hätte sich wie viele es bereits tun, persönlich vorbereiten sollen. Die Vernetzung ist notwendig. Doch in Zeiten der zunehmenden totalen Überwachung und des linken Denunziantentums kommt der mögliche Zusammenbruch womöglich später denn früher. Das öffentliche Preisgeben derlei Ambitionen auf diese Art und Weise kann schnell als Planung des Angriff auf den Staat denn als Vorbereitung auf dessen Zusammenbruch ausgelegt werden. Die Anwesenheit des Verfassungsschutzes auf dem Server scheint dabei fast sicher. Wer glaubt den Staat interessieren Rechtfertigungen, wenn er eine Bedrohung für seine Herrschaft ausgemacht hast, ist naiv.

Offenbar erkannte man die Notwendig von Hierarchien in einer solchen Bewegung. Doch wenn diese Hierarchien militärisch sind, dann müssen sie auch militärischen Prinzipien folgen. Das ist hier ausgeschlossen, denn sie sind keine Armee und die wenigsten haben wohl eine soldatische Ausbildung genossen. Schlussendlich findet man hier das nächste Merkmal vergangenere Regime: Die militarisierte Zivilgesellschaft. Es sind Kinder, die andere Menschen wie Soldaten behandeln. Kinder meist ohne die Erfahrung und Verantwortung von Führung, noch Verantwortung für mögliche Konsequenzen ihrer Taten, besonders im Leben der Mitglieder. Offiziere werden hier nach Bedarf ernannt und mit bestimmten Befugnissen ausgestattet. Sie werden nicht nach der charakterlichen Eignung ausgesucht Menschen anzuführen. Gelockt wird mit der Aussicht auf Aufstieg und damit mit Macht. Macht über Menschen. Auch dies ist Merkmal vergangener Regime und ihrer Führung. Es sind Kinder mit Macht über viele Menschen. Ein sehr erschreckender Zustand. Momentan beschränkt sich die Gruppe auf „Angriffe“ im Netz. Es sind de facto Troll-Kommandos („Sturmtruppen“ genannt). Doch was geschieht, wenn sich die Gruppe erweitern sollte? Wenn aus Kinder-„Generälen“ am Rechner Menschen werden, die Menschen auf der Straße „befehligen“? Diese Überlegen mögen absurd klingen, doch scheinen sie notwendig.

Lui Tagel benannte im Gespräch mit Kulturstudio die Sicherheitsmaßnahmen, die man ergriffen hätte, damit die richtigen Leute nach oben kommen. Persönliche Gespräche werden benannt. Meiner Beobachtung nach wurden „Offiziere“ im Tagesrythmus ernannt. Es ist ausgeschlossen, dass Menschen innerhalb von nur ein Paar Tagen die Erfahrung und besonders die Verantwortung erwerben Menschen zu führen, noch das man die Eignung dieser völlig Fremden im Stande ist abzuprüfen. Es scheint sich hier um maßlose Selbstüberschätzung zu handeln. Denn es wurden schon andere, weitaus erfahrenere und ältere Organisationsstrukturen unterwandert. Siehe Montagsmahnwachen oder Piratenpartei. Auch dort herrschte dieselbe naive Revolutionsstimmung vor und die völlige Fehleinschätzung des Feindes.

Die oberen Ebenen der Führung sind verschlossen. Die Sprach- und Text-Chat-Kanäle sind für alle unterhalb der Generäle nicht zugänglich oder einsehbar. Protokolle gibt es nicht. Die Organisation von Reconquista Germanica verstößt somit gegen grundsätzliche Prinzipien einer freien Gesellschaft. Faktisch weiß also die Basis nicht, was die (scheinbar untereinander befreundete) Führung bespricht. Kontakt besteht nur dann, wenn sie Befehle geben oder eine Aktion über den Sprach-Chat moderieren. Die Masse führt nur aus und das sehr effektiv. Auch kann man sich der Gesinnung der Führung nicht sicher sein. Art und Weise und Gebaren sowie Struktur geben jedoch Rückschlüsse. Denn anders wäre es durchaus möglich gewesen, doch man entschied sich explizit für diese Form. Sie geben Befehle und Angriffsziel heraus. Ist das Gebaren und die Sprache Ausfluss der Notwendigkeit oder der Gesinnung? Wer sind diese Menschen mit so viel Macht über andere?

Natürlich sind Aktionen freiwillig. Niemand wird oder kann gezwungen werden. Ein passiver Zwang wird über die Forderung nach aktiver Teilnahme erzeugt. Doch es ist fahrlässiger in einer Gesellschaft wie der deutschen, wo Konformismus und Hörigkeit gegenüber Autoritäten genauso ausgeprägt sind wie Mitläufertum, eine solche Struktur zu etablieren. Denn der liberale Individualismus ist in der deutschen Gesellschaft nicht verbreitet, dafür aber durch Jahrzehnte an linker Erziehung Kollektivismus und Konformismus. Die Bewegung lebt augenscheinlich keinerlei liberale Prinzipien. Die strikten, autoritären und teils abgeschotteten Strukturen lassen kaum ein eine Subsidiarität zu. Es ist daher keine Frage der individuellen freien Entscheidung, sondern eine der Haltung und des Alters. Da sich der Bewegung augenscheinlich viele junge Menschen anschließen, kann man genauso von einer hohen Raten an Mitläufern ausgehen. Menschen also, die noch wenige eigenverantwortliches und mündiges Verhalten erlernt haben und durch die deutschen eher sozialistische Gesellschaft auch meist nicht lernen, werden in ein Gruppe gebracht, wo eine starke Autorität und ein gewisser unvermeidlicher Konformismus existiert. Verantwortung für die Altersunterschiede wird nicht gezeigt. Sie werden zu konformen Soldaten gemacht. Zum Vierten findet man hier also ein Merkmal vergangener Regime vor.

Dies alles verwundert nicht, hat doch die deutschen Rechte aufgrund der Jahrzehnte linker Verfolgung und des Verdrängen in der Reaktion, keinerlei intellektuelle oder philosophische Entwicklung durchmachen können und verharrt daher in ihren Positionen bei Bildern des 20. Jahrhunderts. Dies mag übertrieben sein, doch es entspricht meinem persönlichen Eindruck.

Am Ende bewog mich diese Erfahrung sowie des Fehlens der von mit vertretenen Prinzipien zum Austritt aus der Gruppe. Wenngleich ihre Taktik nützlich ist, wenn ich persönlich sie auch nicht besonders interessant und auch nicht besonders ehrlich finde. Zu meinen, man beweise die alternative öffentliche Meinung durch massenhaften Spam künstlicher Meinungen (durch mitunter niveaulose Äußerungen) steht im Widerspruch zu den Aussagen Lui Tagels beim Kulturstudio. Intellektuell wäre die Überzeugung durch prinziptreue Argumentation oder wenigstens das Präsentieren sachlicher kritischer Meinung zu einer Sachlage. So sehe ich die Identitäre Bewegung als besser in Strukturen, Idealen und Präsentation geschaffen. Das mag auch daran liegen, dass dort das Altersniveau höher ist.

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Lui_Chat_Kulturstudio
Unangenehme Reaktion des Kulturstudios, als Reconquista Germania vom Server aus zur „Unterstützung“ von Lui aufrief. Hunderte Kommentare überschwemmten den Chat und machten Werbung für den Server. Man macht sich so bereits bei Verbündeten unbeliebt.

Es braucht eine deutsche konservative Bewegung rein für das Netz, wogegen die Identitäre Bewegung die Straße bedient. Genauso braucht es einen unabhängigen und zivilen konservativen „Think Tank“, wo es neben dem Aktionismus im Netz und auf der Straße um das Formulieren von neuen konservativen Idealen und Prinzipien für Deutschland geht. Meine Vorstellungen dazu sind auf diesem Blog zu finden. Doch diese Formen der „Alt-Right“, wie sie Reconquista Germanica augenscheindlich vertritt, halte ich sowohl für eine deutsche konservative Bewegung nicht für zielführend, gar schädlich, als auch für überholt. Ich für meinen Teil bin aufgrund der Art und Weise von Nikolai Alexander enttäuscht. Ob sich hier ein Wandel vollzog, Resignation ob der Lage ein gewisse Militanz erzeugte oder die Haltung schon immer vorhanden war, mag ich nicht zu beurteilen.

Patriotismus allein sollte nicht das Maß sein, mit welchem eine Bewegung bemessen wird und was sie legitimiert. Das Wie, sprich die Art und Weise der Zielvorstellung sowie die vertretenen Prinzipien, sind genauso, wenn nicht noch mehr, bestimmend.


Quellen:

[1] https://www.youtube.com/watch?v=1A06s2Lo-w8
[2] https://www.youtube.com/watch?v=w1M8k_N89tw
[3] https://www.buzzfeed.com/karstenschmehl/willkommen-in-der-welt-von-discord-teil1?utm_term=.vbJmyZ7Ak#.ofq2GNnvL

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